AOK: Mehrwert für unsere Versicherten

Gesundheitsinformationen selbstbestimmt immer und überall dort zur Verfügung zu haben, wo Patienten es möchten – um dieses Ziel für ihre über 25 Millionen Versicherten zu realisieren, entwickelt die AOK derzeit ihr Digitales Gesundheitsnetzwerk.

15 Jahre nach Verabschiedung der ersten gesetzlichen Grundlagen für den Aufbau der Telematik-Infrastruktur in Deutschland ist die Bilanz ernüchternd: Bis heute sind bereits mehr als zwei Milliarden Euro in die Vernetzung des deutschen Gesundheitswesens geflossen. Auch der Bundesrechnungshof hat in seinem neuesten Bericht an den Haushaltsausschuss des Bundestages den schleppenden Fortgang des Vorhabens sowie die unklaren technischen und rechtlichen Vorgaben moniert. Inzwischen hat dies auch die Politik erkannt und entwickelt hektisch Aktivitäten. Darunter sind sehr begrüßenswerte Vorschläge wie die Verpflichtung der Krankenkassen, ihren Versicherten bis 2021 eine elektronische Patientenakte zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig traut man sich aber nicht an die notwendigen, tiefgreifenden Reformen heran. Dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die Mehrheit an der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) zu verschaffen, löst deren grundlegendes Problem nicht. Stattdessen sollten die Prozesse der Standardisierung und Zertifizierung organisatorisch voneinander getrennt werden.

Antreiber beim Thema Vernetzung

Bisher ist noch kaum ein Nutzen für die Versicherten erkennbar. Interessante medizinische Anwendungen lassen nach wie vor auf sich warten, und die elektronische Gesundheitskarte ist immer noch nicht „smart“.

Gleichzeitig hat sich die digitale Welt um uns herum in den letzten 15 Jahren rasant weiterentwickelt. Die meisten nutzen heute ganz selbstverständlich Smartphone und Tablet. Darauf haben viele Akteure im Gesundheitswesen inzwischen reagiert – auch die AOK. Mit der Vorstellung unserer Initiative Digitales Gesundheitsnetzwerk haben wir Bewegung ins Thema ‚Vernetzung im Gesundheitswesen‘ gebracht. Das Digitale Gesundheitsnetzwerk ist eine Plattform zum Austausch von Gesundheitsdaten zwischen Patienten, niedergelassenen Ärzten, Kliniken und weiteren Akteuren im Gesundheitswesen. Sie umfasst auch eine digitale Patientenakte für die AOK-Versicherten.

Die ersten Piloten sind gestartet

Mit zwei regionalen Piloten in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist das Digitale Gesundheitsnetzwerk bereits gestartet. Die ersten AOK-Versicherten profitieren also schon jetzt ganz konkret von der neuen Vernetzung: Über ein Portal können sie ihre Gesundheitsdaten, die ihnen ihr Arzt bereitstellt, jederzeit einsehen und anderen Ärzten zur Verfügung stellen. Dabei haben sie die Datenhoheit und entscheiden selbst, welcher Arzt welche Informationen einsehen kann. In Mecklenburg-Vorpommern sind zwei AMEOS Kliniken sowie das regionale Arztnetz ‚HaffNet‘ am Projekt beteiligt. Hier werden ca. 7.200 AOK versicherte Patienten betreut. In den beteiligten Kliniken stehen dabei das Aufnahme- und Entlassmanagement sowie der Austausch von Dokumenten zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten im Vordergrund.

In Berlin arbeiten wir mit der drittgrößten privaten Klinikgruppe, der Sana Kliniken AG, sowie mit Deutschlands größtem kommunalen Krankenhauskonzern Vivantes zusammen. In einem ersten Schritt sind sieben Geburtskliniken an das Netzwerk angeschlossen worden, weitere Kliniken und Medizinische Versorgungszentren sollen folgen. Sie versorgen insgesamt 114.000 AOK-Versicherte pro Jahr, die von der Vernetzung profitieren können. Bei diesem Pilotprojekt steht der Austausch zwischen Klinik und werdenden Müttern im Fokus. Sie können z.B. ihren Mutterpass, Berichte zu früheren Geburten sowie Ergebnisse ambulanter Vorsorgeuntersuchungen zur Verfügung stellen. Die Klinikärzte können wiederum strukturierte Dokumente wie einen Ultraschallbefund, einen Laborbefund, OP-Berichte oder Entlassbriefe in die Akte laden. Die Lösung wird auf Basis der Rückmeldungen aus der Praxis fortlaufend weiterentwickelt.


Wir sind davon überzeugt, dass sich die Vernetzung positiv auf die Versorgung unserer Versicherten auswirken wird.

Martin Litsch , Vorstandsvorsitzender AOK Bundesverband

 

Vier Firmen – eine Plattform

Die Erfahrungen, die wir in den beiden Pilotprojekten mit den beteiligten Partnern sammeln, fließen in die Weiterentwicklung unseres bundesweiten Gesundheitsnetzwerkes ein. Nach der Vergabe der Softwarelizenzen für das Projekt haben wir nun auch im Januar 2019 die Bereitstellung der einzelnen Komponenten des bundesweiten Gesundheitsnetzwerkes an einen Zusammenschluss von drei erfahrenen IT-Unternehmen vergeben. Den Zuschlag erhielt der IT-Komplettlösungsanbieter x-tention Informationstechnologie GmbH gemeinsam mit den beiden führenden Softwareherstellern für IHE-Systeme, InterComponentWare AG (ICW) und soffico GmbH. Diese drei Firmen entwickeln basierend auf der Softwarelösung Orchestra eHealth Suite in den nächsten Monaten die Plattform für den bundesweiten Datenaustausch. Als weiterer Partner ist die Firma Atos Information Technology GmbH mit an Bord. Sie ergänzt das Trio durch Lösungen für digitale Zertifikate zur sicheren Kommunikation aller Beteiligten im Gesundheitsnetzwerk.

Startklar bis zum Jahr 2020

Diese Auftragsvergabe zur Entwicklung der zentralen und dezentralen Komponenten für das Gesundheitsnetzwerk ist für uns ein wichtiger Schritt, um das Projekt weiter voranzutreiben. Ein zentraler Punkt ist die Entwicklung der Plattform für den bundesweiten Datenaustausch zwischen den Beteiligten. Die beauftragten IT-Unternehmen entwickeln zudem die wichtigsten Anwendungen des Digitalen Gesundheitsnetzwerkes. Dieses Aufgabenspektrum reicht vom elektronischen Arztbrief über einen Medikationsplan bis zum elektronischen Notfall- oder Impfpass. Weitere Komponenten ermöglichen das Einreichen von Belegen wie Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sowie die Abfrage von Statusinformationen, zum Beispiel zur Zuzahlungsbefreiung von Versicherten. Darüber hinaus geht es darum, die Grundlage für die Anbindung der dezentralen Serverstrukturen von Kliniken, Ärzten und bereits bestehenden Vernetzungsprojekten zu schaffen. Ab 2020 sollen alle AOK-Versicherten, Ärzte, Kliniken und weitere Akteure das Netzwerk und die digitale Akte bundesweit nutzen können.

Unser Ziel ist, mit dem Digitalen Gesundheitsnetzwerk alle Leistungserbringer sektorenübergreifend zu vernetzen und somit den Austausch von relevanten Informationen in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu binden wir niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser über Schnittstellen direkt an, um zusätzlichen Aufwand wie die Doppelerfassung und den händischen Versand von Daten zu vermeiden. Die beteiligten Ärzte entscheiden, welche Daten sie für den Austausch zur Verfügung stellen. Bei der Entwicklung des Netzwerks arbeiten wir während der Pilotprojektphase schon jetzt eng mit niedergelassenen Ärzten und Kliniken zusammen, um deren Sichtweise ins Projekt mit einzubeziehen und um für sie die Anwendung so einfach wie möglich zu machen.


Die Sicherheit der sensiblen Patientendaten ist eine der wichtigsten Prämissen im Digitalen Gesundheitsnetzwerk. Dies stellt unter anderem eine vorwiegend dezentrale Speicherung der medizinischen Daten sicher, das heißt, die Daten bleiben beim jeweiligen Erfasser – also im Rechenzentrum des Krankenhauses oder auf dem Server des jeweiligen niedergelassenen Arztes, der am Projekt teilnimmt. Im Gesundheitsnetzwerk wird nur ein Link gesetzt, über den andere Ärzte auf die Befunde und Dokumente wie Röntgenbilder oder Entlassbriefe zugreifen können – vorausgesetzt, der Patient gibt sein Einverständnis für den Datenaustausch. Auch der Zugang des Patienten zu seiner digitalen Akte ist über eine Zwei-Faktor-Authentisierung besonders gesichert.

Technisch am IHE-Standard ausgerichtet

Anders als gewinnorientierte Unternehmen, hat die AOK kein Interesse daran, Patientendaten zu sammeln und kommerziell zu verwerten. Sie bietet ihren Versicherten zwar die Plattform für den Austausch ihrer medizinischen Daten an, hat aber selbst keinen Zugriff auf die Daten und Dokumente, die die teilnehmenden Ärzte bereitstellen. Bei der Entwicklung unseres Gesundheitsnetzwerkes legen wir besonderen Wert auf einfache Anbindung und Interoperabilität. Deshalb wird das Gesundheitsnetzwerk technisch an der Methodik IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) ausgerichtet. Dieser Standard bildet die Basis für den sektorenübergreifenden Austausch medizinischer Informationen und auch für die Anbindung des Digitalen Gesundheitsnetzwerks an die zentrale Telematik-Infrastruktur der gematik.

Die Versorgung unserer Versicherten verbessern

Doch warum setzt sich die AOK überhaupt für die Vernetzung ein? Die Antwort ist ganz einfach: Weil wir davon überzeugt sind, dass sie sich positiv auf die Versorgung unserer Versicherten auswirken wird. Nicht nur die Patienten, auch ihre behandelnden Ärzte, werden von der besseren Verfügbarkeit medizinischer Informationen profitieren – über Sektorengrenzen und medizinische Disziplinen hinweg. Unnötige Doppeluntersuchungen und Schnittstellenprobleme bei der Krankenhausentlassung werden vermieden. Dank eines digitalen Medikationsplans verbessert sich die Arzneimitteltherapiesicherheit. Und im Notfall können die Patienten auf Basis der gespeicherten Informationen schneller und gezielter behandelt werden. Das gilt besonders für Versicherte mit chronischen Erkrankungen, die viele behandelnde Ärzte und Arztkontakte haben. Die Ärzte erhalten über das Digitale Gesundheitsnetzwerk – das Einverständnis des Patienten vorausgesetzt – Zugriff auf alle relevanten Gesundheitsinformationen. Unsere Technologie ermöglicht es dem behandelnden Arzt dann, aus allen in der Akte verfügbaren Informationen die Daten und Dokumente zu selektieren, die für die Diagnostik und Therapie des jeweiligen Patienten relevant sind. Der Arzt muss sich nur das anschauen, was ihn und die Behandlung seines Patienten betrifft. Damit wird aus der Summe aller Daten in der Akte aus Sicht des Diabetologen zum Beispiel eine Diabetikerakte und aus Sicht des Kardiologen eine kardiologische Akte.

Datenmitnahme beim Kassenwechsel möglich

Als offene Plattform wollen wir das Netzwerk schrittweise allen Akteuren zur Verfügung stellen. Es ist unser Beitrag zu einer besseren Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen – aber wir wollen keine neuen Barrieren aufbauen. Daher stimmen wir uns zu diesem Thema auch mit der Politik und mit unseren Wettbewerbern ab. Denn eines ist klar: Die verschiedenen Patientenakten, die es nach dem erklärten Willen der Politik ab 2021 für die Versicherten aller gesetzlichen Krankenkassen geben soll, müssen einheitliche technische Standards haben. Sie sollten im Wettbewerb entwickelt werden, aber auf Basis einheitlicher Vorgaben. Beispielsweise muss der Versicherte auch bei einem Kassenwechsel seine Daten mitnehmen können. Nur so kann es gelingen, alle Akteure sinnvoll miteinander zu vernetzen. Denn digitale Insellösungen, die nicht miteinander kommunizieren können, gibt es schon mehr als genug.