Die Akte schärft das Gesundheitsbewusstsein

Die Idee einer patientengeführten Akte finde ich prinzipiell sinnvoll. Schon heute erhalten Patienten von ihren Ärzten häufig Befunde oder Entlassbriefe, die in Form einer elektronischen Versichertenakte allen weiteren Akteuren, egal ob Haus- oder Facharzt, einfach zur Verfügung gestellt werden könnten.

Krankenversicherungen müssen ihren Versicherten eine elektronische Versichertenakte bereitstellen und ihnen damit den Zugriff auf ihre medizinischen Daten ermöglichen. Die Aktenfunktionalität der verschiedenen Kassen wird von Anfang an unterschiedlich sein, mit zunächst nur einigen Grundfunktionen. Mit der Zeit werden aber immer vielfältigere Funktionalitäten hinzukommen, die sowohl Ärzten als auch Patienten einen echten Mehrwert bieten und somit die Nutzung für alle Beteiligten attraktiver macht.

Das Arzt-Patienten-Verhältnis wird sich weiter verbessern. Viele Patienten werden selbstständiger, befassen sich mehr mit dem Erhalt ihrer Gesundheit und sind interessiert an einer besseren und effektiveren Versorgung im Falle vorliegender Erkrankungen.

Die Akte muss sich erst bewähren
Aktennetzwerke funktionieren nur, wenn alle Beteiligten davon profitieren und die Akte so zu leben beginnt. Das Befüllen der Akte durch Ärzte muss unkompliziert sein, und der Aufwand sollte entsprechend vergütet werden. Andernfalls fehlen die Motivation zur Nutzung und damit wichtige Inhalte, die für eine sinnvolle Behandlung und zur Vermeidung redundanter Diagnostik notwendig sind. Die Akte muss Standards entsprechen, damit die Inhalte auch in anderen Systemen weiterverarbeitet werden können. Nur so lassen sich Arbeitsprozesse verbessern. Gute Beispiele sind der Medikationsplan bei der Entlassung aus dem Krankenhaus und die Übernahme dieser Informationen in das Praxissystem eines Arztes. Manuell wäre dies sehr aufwendig.

Zeitersparnis oder Mehraufwand
Ein weiteres Kriterium, ob die Akte erfolgreich in den Praxisalltag integriert wird, ist der für die Nutzung notwendige Zeitaufwand. Die Zeit, die ein Arzt für ein Patientengespräch zur Verfügung hat, wird allgemein als zu gering erachtet. Sollte die Nutzung der Versichertenakte dazu führen, dass zum einen der Patient besser vorbereitet und mit allen Unterlagen zur Untersuchung erscheint und sich zum anderen der administrative Aufwand verringert, würde sich dies positiv auf die Akzeptanz durch die Ärzte auswirken. Nicht förderlich wäre es hingegen, wenn aufwendige Übertragungen der Untersuchungsdaten in eine Akte dem Hausarzt eher Zeit rauben oder gar zusätzliche Ressourcen, etwa eine MFA, nötig wären. Wünschenswert ist eine gute und sichere Integration in die Praxisverwaltungssysteme, um ‚per Knopfdruck‘ den notwendigen Beitrag für eine vollständige Versichertenakte leisten zu können. Dazu gehören einfach und sicher zu handhabende Lösungen hinsichtlich Autorisierung, Zugriffsverwaltung und Datenschutz, die dem aktuellen Stand der Technik entsprechen. Ferner sollte ein Arzt bei zusätzlichen Funktionalitäten nicht ständig mit geänderten Benutzeroberflächen oder wechselnden Prozessen konfrontiert werden. Auch die Frage der Vergütung sollte geklärt sein. Außerdem darf für die Aufklärung der Patienten nicht der Arzt verantwortlich sein.

Vorteile für meine Hausarztpraxis
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Patienten ein Interesse daran haben, einen einfachen Zugriff auf ihre Daten zu erhalten und diese selbst zu managen. Nicht nur die jüngere Generation sammelt bereits heute ihre Gesundheits- und Fitnessdaten. Bindet man valide digitale Angebote sinnvoll in eine Versichertenakte ein, ließen sich mithilfe intelligenter Auswertungstools Risikokonstellationen oder bereits bestehende chronische Erkrankungen früher erkennen und im weiteren Verlauf besser überwachen. Allein das Verfügbarmachen von mehr Daten stellt für die Beteiligten aber noch einen zu geringen Mehrwert dar.

Andere digitale Dienste, wie die Online-Bestellung von Rezepten oder Überweisungen, die bereits heute von vielen Ärzten angeboten werden, könnten mit weiteren Anwendungen in einer Akte angereichert werden. Dazu gehören der digitale Impfpass mit automatischen Impferinnerungen, ein Arzneimittelwechselwirkungscheck für Patienten, Angebote zur Ernährungsberatung, Vor- und Nachsorge-Anleitungen oder das einfache Ausfüllen von bisher komplexen Papierformularen wie Reha-Anträgen. Ich wünsche mir, dass all dies zusammengenommen zu einer noch besseren Betreuung unserer Patienten, zu effektiveren Arzt-Patienten-Gesprächen und Erleichterungen für die Praxen führt.

Ich gehe davon aus, dass die leichtere Verfügbarkeit und die bessere Aufbereitung von Gesundheitsdaten viele Bürger gesundheitsbewusster machen. Wenn Daten einfach in die Akte einzustellen sind, egal ob es sich um Fitnessdaten von Wearables oder unterschiedlichste Befunde handelt, fördert dies die Akzeptanz von allen Beteiligten: Patienten, Ärzten und Apothekern. Voraussetzung dafür ist immer die aktive Zustimmung des Patienten. Sollte ein Patient sich gegen die Nutzung der Gesundheitsakte entscheiden, dürfen ihm keine Nachteile entstehen. Wichtig ist es, den Patienten zu begleiten, da der Zugang zu unkommentierten medizinischen Informationen Verwirrung stiften und zu Fehlverhalten führen könnte. Ein bewussterer Umgang mit der Gesundheit könnte der größte Erfolg der Versichertenakte werden. Vorausgesetzt, die Akte bietet Mehrwertanwendungen, ist einfach zu bedienen, erfüllt die Vorgaben des Datenschutzes sowie der Selbstbestimmung und die Vergütung für die teilnehmenden Ärzte ist klar geregelt.