Die Brückenbauer

IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) ist eine Initiative von Fachleuten des Gesundheitswesens. Sie haben ein Ziel: die Kommunikation zwischen verschiedenen IT-Systemen und Medizingeräten zu verbessern. Viele Regionen oder Länder haben bereits eHealth-Konzepte auf der Basis von IHE-Profilen entwickelt. Auch in Deutschland steigt die Zahl der IHE-Projekte; auch wenn die bundespolitische Wahrnehmung und Unterstützung deutlich weniger ausgeprägt ist als in anderen europäischen Ländern.

Eigentlich sollte IHE schon seit mehr als zehn Jahren Geschichte sein. IHE war ursprünglich von der RSNA (nordamerikanischen Radiologiegesellschaft) und HIMSS (Healthcare Information and Management Systems Society) als eine auf fünf Jahre angelegte Initiative initiiert worden, um die Interoperabilität zu verbessern. Ziel von IHE war es nicht, neue Standards zu entwickeln, sondern vorhandene konsequent anzuwenden, und zwar in Verbindung mit deren definierter Interpretation am Beispiel bestimmter Anwendungsfälle.

„IHE ist ein weltweit erfolgreicher Ansatz, die Interoperabilität im Gesundheitswesen zu verbessern.“

IHE hat hierbei neue Ansätze genutzt. Ein wesentlicher Aspekt ist die gemeinsame Aktivität von Herstellern und Anwendern in den unterschiedlichen Bereichen, in denen IHE weiterhin aktiv ist. Für die Profile hat man Ablaufschritte einzelnen Akteuren zugeordnet. Diese erfüllen die jeweiligen Aufgaben mit definierten Transaktionen. Für diese Transaktionen wird der jeweilige Standard – neben DICOM und HL7 sind dies vor allem Web-Standards – mit der zu nutzenden Aktion festgelegt. Für die Profile bedeutet dies einen definierten Entwicklungszyklus, und die Umsetzung durch Hersteller wird in einem fünftägigen, realen Testszenario (Connectathon) überprüft.

Der Erfolg in der Radiologie hat das Konzept auch für andere Bereiche interessant gemacht, und bald haben es auch die Kardiologie und Augenheilkunde genutzt. Neben den fachspezifischen Domänen entstand mit der Domäne „IT-Infrastructure“ (ITI) auch eine allgemeine, fachübergreifende Initiative, die heute neben der Domäne Radiologie weltweit die erfolgreichste IHE-Domäne darstellt. Bedeutung national und international IHE ist als Organisation weltweit aktiv, wobei der Schwerpunkt anfangs in den USA lag. Allerdings entstanden bald nationale IHE-Committees, zunächst 2001 in Frankreich und ein Jahr später in Deutschland. Parallel baute man in Europa mit IHE Europe eine regionale Dachorganisation auf, die seit 2008 als „Non-Profit-Organisation“ eine offizielle Struktur hat und damit beispielsweise Partner in zahlreichen EU-Projekten war ,und ist. Inzwischen ist IHE weltweit aktiv und ist außer in ,Nordamerika und Europa auch im ,asiatischen Raum mit China, Japan oder Korea vertreten.

Insbesondere das zunehmende Interesse an regionalen oder nationalen Lösungen für einrichtungsübergreifende Kommunikationsplattformen bzw. eHealth-Anwendungen
hat in vielen Ländern Eingang in entsprechende strategische Konzepte gefunden. Bekannte Beispiele sind Österreich mit ELGA, die Schweiz mit eSuisse oder Luxemburg mit eSanté. Diese Länder haben nationale Initiativen, die auf der Familie der IHE-XDS-Profile (Cross Enterprise Document Sharing) aufbauen.

Auf europäischer Ebene spielt IHE in zahlreichen Projekten eine Rolle. Ein wichtiges Projekt ist sicher epSOS gewesen. Im Rahmen dieses Projekts haben Anwender den grenzüberschreitenden Austausch von Notfalldaten und Medikation konzipiert und gelöst. Hilfreich war in diesem Zusammenhang sicher die Entscheidung der Europäischen Kommission vom 28. Juli 2015, insgesamt 27 IHE-Profile offiziell anzuerkennen. Dadurch wurde IHE in Europa bekannter.

Wie entstehen die Spezifikationen
IHE-Profile beschreiben spezifische Lösungen für Interoperabilitätsanforderungen und stellen damit ein fundamentales Konzept im IHE-Kontext dar. Die Erfüllung der Anforderungen eines Profils durch alle Systeme („Akteure“) im Rahmen eines bestimmten Arbeitsablaufs sollte eigentlich die erfolgreiche Zusammenarbeit sichern, da IHE-Profile für bestimmte Aufgaben („Transactions“) jeweils einen bestimmten Lösungsweg vorsehen und damit die optionale Variabilität von Standards vermeiden. IHE-Profile sollen hierbei wesentliche medizinische Themen adressieren. Mehrere Profile einer Fachrichtung werden dann in einem zusammenhängenden „Technical Framework“ zusammengefasst.

Entwickelt werden die IHE-Profile durch die jeweiligen fachspezifischen Domänen, die für die strategischen Aufgaben ein „Planning Committee“ und für die Entwicklung ein „Technical Committee“ haben. Hierbei schlagen interessierte Mitglieder bzw. Gruppen immer wieder neue Themen vor („Profile Proposals“). Je nach Ressourcen sind bestimmte Themen zu priorisieren. Die Entwicklung der Profile erfolgt in einem festen Zyklus, der sich jährlich wiederholt.
Neue Profile werden zunächst als „Supplement“ veröffentlicht und können innerhalb von 30 Tagen öffentlich kommentiert werden. Im nächsten Schritt geht es darum, Supplements für eine „Trial Implementation“ zu klassifizieren, um im Rahmen realer Umsetzungen Erfahrungen zu sammeln. Gegebenenfalls sind die Supplements dann anzupassen. Letztlich wird eine „Final Text“-Version veröffentlicht.

Änderungen und Anpassungen fertiger Supplements können in einem aus dem DICOM-Standard-Prozess mit „Change Proposals“ erfolgen. Wichtig für Hersteller und Anwender ist folgender Aspekt: Gerade in der Phase der Entscheidung über neue Profile sowie deren Spezifikation und Entwicklung sollte ein hohes Maß an Transparenz und Mitwirkung gegeben sein. Die Texte,
auch die finalen Supplements bzw. „Technical Frameworks“ sind im Internet kostenfrei verfügbar.

Connectathon und Product Registry
Connectathon, ein Kunstwort aus Connectivity und Marathon, ist der Name für eine mehrtägige Veranstaltung, auf der Hersteller die korrekte Umsetzung von IHE-Profilen überprüfen. Die Hersteller können direkt die Funktionsfähigkeit ihrer Lösungen in simulierten Abläufen testen und diese bei Bedarf anpassen. Für Anwender ist damit ein Nachweis gegeben, dass Hersteller eine gewisse Kompetenz und Erfahrung in der Umsetzung der jeweiligen Profile besitzen.

Die Teilnahme am Connectathon ist für Hersteller und andere Gruppen, die IHE-Profile umsetzen, offen. Für die Organisation und Supervision ist ein unabhängiges Managementteam mit „Monitors“ zuständig. Das sind IT-Experten mit IHE-Expertise, beispielsweise aus Universitäten oder Forschungseinrichtungen. Sie überwachen und bewerten die Tests zwischen den Herstellern neutral. Im Rahmen eines Connectathons werden mehrere Tausend Einzeltests durchgeführt und testiert. Die Ergebnisse werden protokolliert und publiziert.

In Europa haben beim Connectathon 2016 in Bochum über 370 Teilnehmer von 83 Firmen mit insgesamt 114 Systemen teilgenommen. Die Ergebnisse für die einzelnen Systeme sind im Internet unter https:// connectathon-results.ihe.net abrufbar. Verschiedene Selektionskriterien wie Hersteller, Akteur oder Profil unterstützen den Interessierten bei der Suche. Im Produktregister von IHE können Hersteller ihre Integrationsstatements veröffentlichen. So können Anwender einfach erkennen, welche Systeme für bestimmte Profile und Akteure verfügbar sind.

IHE-Services sorgen in Europa für die Durchführung des Connectathons. Deren Experten sind auch in die erforderliche Entwicklung von Testtools eingebunden. Dazu nutzen sie eine seit langem verfügbare Plattform („Gazelle“), die auch für die Anwendung in regionalen oder nationalen Projekten zur Verfügung steht. In den vergangenen Jahren hat man neben den Connectathons auch sogenannte „Projectathons“ etabliert. Dabei werden spezifische Erweiterungen, wie beispielsweise im epSOS-Projekt oder für die „Fallakte“ aus Deutschland, getestet.

 


QUELLEN
http://sequoiaproject.org/ehealth-exchange
http://eur-lex.europa.eu/eli/dec/2015/1302/oj
https://gazelle.ihe.net/content/product-registry
https://ihe-europe.net