ELGA und Vernetzung: Ein Blick hinter die Kulissen

Seit Januar 2017 ist die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) in der Niederösterreichischen Landeskliniken-Holding im Einsatz. Ärzte und Patienten können österreichweit auf Befunde zugreifen und dadurch viel Zeit sparen. So stehen ihnen beispielsweise ambulante und stationäre Laborbefunde, Befunde der bildgebenden Diagnostik und Entlassungsbriefe aus stationären Aufenthalten zur Verfügung.

Unter dem Dach der NÖ Landeskliniken-Holding sind seit dem Jahr 2008 alle 27 Klinikstandorte vereint. Diese Vielzahl an Akteuren bringt zwangsläufig eine heterogene IT-Landschaft mit sich. Deutlich wird dies z.B. bei den Krankenhausinformationssystemen (KIS): An 27 Standorten sind KIS von fünf Herstellern in jeweils unterschiedlichen Konfigurationen und Architekturen im Einsatz. Diese 27 KIS bringen ELGA-relevante XML-Dokumente (CDA-3) mittels IHE Mechanismen in den ELGA-Bereich NÖ ein. Bei jedem Einzelfall ist für den Patienten eine freiwillige Situative-Opt-Out (SOO)-Funktion hinterlegt. Hierbei werden die ärztlichen und pflegerischen Entlassungsbriefe direkt im KIS erstellt, die Radiologie- und Labor-Befunde jedoch im jeweiligen Subsystem und dann ans KIS übermittelt.

Orchestra als Kommunikationsserver
Die NÖ Landeskliniken-Holding entschied sich für Orchestra, einen zentral betriebenen Kommunikationsserver der Firma soffico. Dort wurden anfangs die Systeme nur selektiv angebunden; aufgrund der positiven Erfahrungen weitete sich das Anwendungsfeld jedoch aus. Mittlerweile dient Orchestra als zentraler Kommunikationsserver für medizinische Datenströme, an den laufend neue Subsysteme angebunden werden. Die Gründe für diese strategische Entscheidung liegen auf der Hand:

  • Zentrale Applikationen sind aufgrund technischer Voraussetzungen (Bündelung der Datenströme, Umschlüsselungslogiken) nötig.
  • Einheitliche Service Level Agreements (SLAs) stellen einen bundes landweiten IT-Betrieb sicher. Die Qualität der Aktenvernetzung lässt sich durch zentrales Monitoring im Rahmen einer 24/7-Bereitschaft steigern.
  • Durch die Mehrfach-Anbindung gleichartiger Systeme kommt es zu erheblichen Synergieeffekten bei Lizenz- und Dienstleistungskosten.

Erfahrungen und Herausforderungen
Neben den üblichen technischen Herausforderungen sind auch organisatorische Aufgaben zu meistern:

Anbindung proprietärer Systeme
Klinische Workflows sind bei der Datenübertragung zu berücksichtigen oder unter Einbeziehung der Kliniken neu zu definieren, etwa wenn Befundpostfächer genutzt oder Kumulativberichte aus Messwerten erstellt werden. Einen Spezialfall stellen hierbei altgediente Systeme kleiner Herstellerfirmen dar, die als Spezialsysteme für wenige Anwendungsfälle eingesetzt werden.

Vereinheitlichung durch intelligente Datentransformation
Um Daten bundeslandweit einheitlich in eine gemeinsame Krankenakte zu übertragen, sind Nachrichten unternehmensweit inhaltlich (medizinisch-pflegerisch) zu standardisieren – und zwar über den HL7-Standard hinaus. Die Herausforderung liegt hierbei darin, in den entsprechenden Gremien der Gesamtorganisation Einigungen über zu verwendende Kataloge und medizinische Workflows zu schaffen. Ein Beispiel ist der NÖ-LOINC-Katalog für Laborleistungen. Er ist NÖ-weit gültig und kommt bei der zentral betriebenen Labordiagnostik-Plattform zum Einsatz. Während standardisierte zentrale medizinische Applikationen zwar arbeitsintensiv, aber noch überschaubar sind, ist es unrealistisch, alle Subsysteme der Disziplinen vereinheitlichen zu wollen. Abweichungen sind hier intelligent durch Daten-Transformationen (im einfachsten Fall statische Mappings) auszugleichen.

ELGA: nationale Vorgaben vs. gelebte Workflows
Durch die ELGA sind die Inhalte des jeweiligen CDA 3-Befunds klar geregelt. Das macht die Befunde auf nationaler Ebene vergleichbar. NÖ-intern hingegen besteht bei gelebten Prozessen Klärungsbedarf. Beispielsweise können sich die Ärzte bei Visiten in vielen Kliniken auf umfangreichere Befunde stützen, etwa wenn bei Labor-PDF-Befunden zusätzliche Grafiken zur Verfügung stehen. Einheitliche Lösungen wie die NÖ-intern angepassten Stylesheets – etwa um CDA 3 darzustellen oder um Labor-PDF-Befunde ins KIS zu übermitteln – bedürfen einer NÖ-weiten Abstimmung.

Auch hoch technische IT-Projekte sind Organisationsprojekte.

Wartungsfreier Betrieb
Mit jedem zusätzlich angebundenen System wird auch die Abstimmung und Kommunikation von Wartungsfenstern schwieriger. Anfangs beschränkte sich die Wartung des Kommunikationsservers auf zentrale Applikationen und damit wenige Fachabteilungen. Durch die steigende Anzahl an Subsystemen wird das Thema Wartungsfreiheit immer wichtiger. Daran wird gearbeitet, weil hier letztlich der Schlüssel für die Akzeptanz seitens der klinischen Anwender liegt.

Lessons learned
Selbst bei einem so technischen Thema wie der Datenintegration spielt der Organisationsaspekt eine tragende Rolle.

  • Die organisatorischen Prozesse sind in jedem Klinikum anzupassen und Fragen zu beantworten wie z.B.: Wie kann ich eine 24/7-Bereitschaft sicherstellen? Und wie kann ich zentral koordinierte Wartungsfenster schaffen?
  • Neue Standards, die über den HL7-Standard hinausgehen, sind notwendig und klinikübergreifend abzustimmen. Dies betrifft besonders die Umstellung auf eine ELGA-konforme CDA 3-Befundschreibung.