Konzernübergreifende Kooperationen

Eine erfolgreiche Behandlung komplexer Krankheiten wie Krebs braucht die Expertise und das Know-how vieler Abteilungen und Spezialisten. Über das Wohl des Patienten entscheidet aber nicht allein die medizinische Kompetenz. Erst wenn die notwendigen Patientendaten zu jeder Zeit am richtigen Ort verfügbar sind, kann der Arzt schnell und zielsicher handeln.

Vivantes ist Deutschlands größter kommunaler Klinikkonzern. Um die mehr als 500.000 stationären und ambulanten Patienten im Jahr kümmern sich rund 15.000 Beschäftigte. Zum Konzern gehören neben Krankenhäusern auch Pflegeheime mit ca. 2.000 Bewohnerplätzen, MVZ Standorte mit insgesamt ca. 110 Arztsitzen, Facharztpraxen, eine ambulante Reha-Einrichtung und ein Hospiz. Damit hat sich Vivantes zunehmend in Richtung intersektoral ausgerichteter, ganzheitlicher Gesundheitsdienstleister entwickelt. Die Krankenhäuser, das MVZ und auch die Reha-Klinik werden jeweils als eigene Rechtsgesellschaft in Form einer GmbH geführt. Dies hat bezüglich der regulatorischen Anforderungen, die sich im Wesentlichen aus der Datenschutzgesetzgebung und dem ärztlichen Berufsgeheimnis gemäß § 203 StGB ableiten, erhebliche Folgen. So wird für jede Rechtsgesellschaft eine eigenständige und sauber gegeneinander separierte Datenhaltung gefordert. Für den Aufbau einer konzernweiten IHE-Infrastruktur bedeutet dies zwangsläufig, für jede Einrichtung getrennte Affinity Domains mit eigenem Master Patient Index (MPI), eigener Document Registry und eigenen Document Repositories bereitzustellen.

Das ist eine Herausforderung, die der heutigen Praxis einer interdisziplinären, intersektoralen Behandlung von komplexen Krankheiten mit vielen Beteiligten diametral entgegensteht.

Nur wenn den Ärzten alle Informationen zur Verfügung stehen, können sie die Patienten bestmöglich therapieren.

Um den Patienten bestmöglich zu versorgen, ist es unbedingt notwendig, allen am Therapieprozess beteiligten Akteuren die für die jeweilige Entscheidungssituation notwendigen Informationen, Daten und Bilder jederzeit abrufbar in hoher Qualität zur Verfügung zu stellen. Deshalb hat sich Vivantes intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Möglichkeiten in einer multi Affinity Domain Architecture bestehen, um übergeordnete virtuelle Patientenakten für die Behandler bereitzustellen. Folgende Kriterien sollte die Lösung unbedingt erfüllen:

  • Sie sollte die Datenschutzkonformität sicherstellen.
  • Sie sollte skalierbar sein, das heißt auch hohe Datenmengen und Transaktionsvolumina bewältigen können.
  • Sie sollte das wirtschaftliche Management der Lösung und die Bewertung der dazu notwendigen Organisationsstrukturen berücksichtigen (z.B. Clearingstellen für die Pflege des MPI).
Diese Stationen durchläuft ein Patient bei einer Krebserkrankung.

Bevor ein Arzt medizinische Daten aus einer anderen IHE Affinity Domain abfragen kann, muss der Patient dem zugestimmt haben, und die Patientennummer der anderen Affinity Domain muss bekannt sein. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine Lösung ist ein übergeordneter MPI, der alle Patientennummern der verschiedenen Affinity Domains verknüpft. Nach diesem Prinzip funktioniert die ELGA, die elektronische Gesundheitsakte, in Österreich. Dort gibt es einen landesweiten MPI. Ein derartiges Modell ist in Deutschland nicht angedacht, und regional hierarchische MPIs aufzubauen, ist kostenintensiv und aufgrund der zahlreichen, verschiedenen Kooperationen nicht praktikabel. Die zweite Möglichkeit ist die Vernetzung föderierter MPIs.
Diese Strategie verfolgt auch die eHealth Suisse zum Aufbau des elektronischen Patientendossiers in der Schweiz. Für föderierte Architekturen stellt die IHE mit dem XCPD-Profil (Cross-Community Patient Discovery) drei unterschiedliche Optionen bereit, um Patientennummern zwischen verschiedenen Affinity Domains auszutauschen.

1. „Demographic Query only mode“:
Die Anfrage nach vorhandenen Patienten in der anderen Affinity Domain erfolgt ausschließlich auf Basis demografischer Patientendaten. Je nachdem wie spezifisch die Anfrage ist, kann die Treffermenge auch mehrere Patienten umfassen. Aus Datenschutzsicht ist die Offenbarung von Daten der falsch positiv zurückgegebenen Patienten risikobehaftet. Das schränkt diese Option stark ein.

2. „Shared/national Patient Identifier Query and Feed“:
Die Anfrage nach vorhandenen Patienten in der anderen Affinity Domain erfolgt nicht auf Basis demografischer Patientendaten, sondern mit einer übergreifenden oder nationalen Patientennummer wie der Versicherungsnummer des Patienten. Die Versicherungsnummer ist in Deutschland aber nicht bei allen Patienten vorhanden und auch nicht lebenslang eindeutig für einen Patienten, sodass diese Möglichkeit nur eingeschränkt funktioniert.

3. „Demographic Query and Feed“:
Neben den demografischen Patientendaten wird die Patientennummer der eigenen Affinity Domain bei der Anfrage mitgegeben. Dadurch kann die angefragte Affinity Domain den Patienten mit den vorhandenen Patientendatensätzen vergleichen und die Zuordnung speichern. Die Antwort kann durch den Zuordnungsprozess auch mit zeitlicher Verzögerung an die anfragende Affinity Domain zurückgesandt werden, die dann die gleiche Zuordnung vornehmen kann. Das Management der Zuordnungen ist leider beschränkt, da keine Änderungen der Patientendaten übermittelt werden können.

Konzernübergreifende Kooperationen Gunther Nolte
Gunther Nolte: „Internationale Standards und Profile gewährleisten die Investitions- und Zukunftssicherheit.“

 

Fazit:
Für die einrichtungs- und netzwerkübergreifende Versorgung von Patienten werden interoperable Lösungen benötigt, die alle für die Behandlung notwendigen medizinischen Patientendaten im Sinne einer übergeordneten virtuellen elektronischen Patientenakte für die Behandlungsteams zusammenführen. Als Basis für derartige Lösungen bieten sich internationale Standards und Profile an. Diese gewährleisten die Investitions- und Zukunftssicherheit und ermöglichen eine wirtschaftlich sinnvolle Lösungsrealisierung. Die IHE bietet eine Reihe von Lösungsansätzen, die je nach Bedarf und Rahmenbedingungen flexibel eingesetzt werden können. Zur weiteren Harmonisierung der Verwendung von IHE-Profilen hat IHE Deutschland verschiedene Arbeitsgruppen aufgesetzt, die interoperable Lösungen für verschiedene Anwendungsgebiete wie z.B. die digitale Archivierung erarbeiten.