On fire für FHIR

„FHIR®“, die neueste Generation von HL7-Standards, wird sich im Gesundheitswesen durchsetzen. Dadurch können medizinische Leistungserbringer Webapplikationen nahtlos integrieren, und der Funktionsumfang des eigenen Systems kann flexibel erweitert werden.

Seit 1987 ist die Organisation „Health Level 7“ (HL7) die Marke für internationale Standards im Gesundheitswesen. Deren Produkt „HL7 Version 2“ (V2), ist der weltweit am meisten verbreitete Standard für den Datenaustausch in Krankenhäusern. Technologisch betrachtet ist V2 jedoch unverkennbar ein Kind der 1980er-Jahre. Das 2005 als normativ verabschiedete Nachfolgemodell „Version 3“ stößt bis heute auf wenig Gegenliebe seitens der Industrie. Einzig in Form der Clinical Document Architecture (CDA) konnte sich Version 3 durchsetzen.

Der Grund für den hartnäckigen Erfolg von Version 2: Die Implementierung ist einfach, kostengünstig und lässt sich leicht „verbiegen“, um individuellen Anforderungen gerecht zu werden. Das geschieht allerdings häufig auf Kosten der Qualität und Interoperabilität. Der Grund für das Scheitern von Version 3: Die Implementierung ist aufwändig und damit teuer. Da Schnittstellen von einigen Herstellern als „notwendiges Übel“ angesehen werden, ist die Bereitschaft, hohe Kosten für die Schnittstellenimplementierung in Kauf zu nehmen, entsprechend gering.

Inzwischen lassen die Entwicklungen in der Hardwaretechnologie (Tablet statt Desktop), in der Netzwerkarchitektur (Cloud statt LAN) und im Softwaredesign (flexible Apps statt statischer Software) V2 jedoch an seine technologischen Grenzen stoßen. In anderen Branchen heißt die Zauberformel für moderne Integration längst „offene API“, also eine wohldokumentierte Programmierschnittstelle mit klar definierten Inhalten und Funktionen.

Dieses Erfolgsmodell auf das Gesundheitswesen zu übertragen, ist der Grundgedanke hinter „FHIR“, der vierten Generation von HL7-Standards. FHIR (kurz für „Fast Healthcare Interoperability Resources“, ausgesprochen wie engl.: „fire“) fokussiert auf eine schnelle Implementierbarkeit bei guter Ergebnisqualität und Flexibilität zur Anpassung an nationale, domainspezifische und individuelle Anforderungen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedient sich FHIR folgender Grundprinzipien:

Wiederverwendung etablierter Technologien

FHIR basiert auf einer Reihe weit verbreiteter und ausgiebig getesteter Webstandards, wie zum Beispiel XML/JSON für die Serialisierung, HTTP/REST mit TLS-Verschlüsselung für den Transport und OAuth2 für Autorisation und Authentifikation. Dies ermöglicht es Herstellern, aus einem großen Pool qualifizierter Entwickler zu schöpfen. Die in zahllosen Programmiersprachen verfügbaren Bibliotheken und Tools verkürzen die Entwicklungszyklen und erhöhen die Softwarequalität.

Strenge Validierung und Unterstützung von Extensions

FHIR-Ressourcen (Datenobjekte) unterliegen einer strengen Validierung. Sie stellt sicher, dass der Standard bei der Implementierung exakt eingehalten wird, um die Gefahr von Fehlern und Inkompatibilitäten bestmöglich zu minimieren. Dennoch bietet FHIR Mechanismen an, damit sich die Ressourcen leichter an die individuellen Anforderungen anpassen lassen. Offene Registries ermöglichen dabei die Publizierung und Wiederverwendung solcher „Extensions“.

Offenheit und Community

FHIR ist lizenzoffen, es gibt keine Zugangsbeschränkungen zur Spezifikation oder zu den Gremien, die FHIR entwickeln. Entwickler finden in einem internationalen Forum Rat und Unterstützung, und ein offen zugängliches Change-Request-System macht den Spezifikationsprozess interaktiv und transparent. Weltweit haben sich inzwischen tausende Entwickler für FHIR begeistert und
tauschen rege Wissen, Ideen, Codebeispiele und Open-Source-Tools aus. HL7 veranstaltet mehrmals jährlich Connectathons, um sicherzustellen, dass der Standard den strengen Anforderungen von Implementierern und Anwendern standhält.

Roadmap
FHIR hat aktuell noch den Status eines „Standards for Trial Use“, die Kernspezifikation wird jedoch noch in diesem Jahr normativ. Zahlreiche Firmen wie ICW implementieren bereits heute FHIR-Schnittstellen. Das Smart-On-FHIR-Framework definiert, wie Fremdapplikationen in Primärsysteme eingebunden werden können und bietet den Herstellern von KIS-Systemen den größten Anreiz, da durch die nahtlose Integration von Webapplikationen der Funktionsumfang des eigenen Systems flexibel erweitert werden kann. Damit wird Interoperabilität zu einem soliden Business-Case. Die Implementierung dieses Frameworks wird in den USA ab 2018 im Rahmen des „Meaningful Use“-Subventionsprogrammes für KIS-Hersteller obligatorisch. IHE hat inzwischen zahlreiche Profile (z.B. für den Dokumentenaustausch, die Alarmierung oder für die Medikationsverabreichung) basierend auf FHIR veröffentlicht. Branchenriesen wie Apple, Google, Samsung und Microsoft zählen inzwischen zu den Stammgästen der jährlichen „FHIR Developer Days“. Länder wie Kanada, Großbritannien, Niederlande, Chile und Australien bauen derzeit nationale Infrastrukturen basierend auf FHIR auf. In Deutschland wird der MedikationsplanPlus der erste FHIR-UseCase von nationaler Reichweite sein.

 

LINKS
FHIR-Spezifikation → www.hl7.org/fhir
Implementer’s Chat (Forum) → www.chat.fhir.org
Smart-On-FHIR → www.smarthealthit.org
FHIR Developer Days → www.fhirdevdays.com

MEHR ZUM THEMA
IHE on FHIR → www.gefyra.de/ihe
Aktuelle Informationen zu FHIR → www.gefyra.de/aktuelles

… UND ZUM SCHLUSS
FHIR auf Klingonisch → www.qhul.org