Partnerschaften im Dienst der Patienten

Das Universitätsklinikum Heidelberg setzt seit mehr als zehn Jahren gezielt auf Partnerschaften. Wichtig ist deshalb eine IT-Struktur, die solche Kooperationen vorantreibt und einen reibungslosen Datenaustausch gewährt. Erste Pilotprojekte verliefen erfolgreich.

„Wir wollten die Komplexität des PEPA-Projektes so gering wie möglich halten.“

Oliver Reinhard
Funktion:  Leiter Zentrum für Informations- und Medizintechnik (ZIM) 
Einrichtung: Universitätsklinikum Heidelberg

Heidelberg hat die höchste Ärztedichte in Baden-Württemberg und mehr als 30 Kliniken. Bürger und Patienten aus aller Welt schätzen die exzellente medizinische Versorgung in Heidelberg.
Das ist auch ein Verdienst des Universitätsklinikums Heidelberg.

Uns kommt es darauf an, unsere Kräfte im Sinne des Patienten durch abgestimmte Profilierung der Partner, Modelle der Personalunion und -rotation sowie durch kooperatives Zusammenspiel in definierten Behandlungsabläufen zu bündeln und uns nicht durch Wettbewerb zu schwächen. Dies entspricht unserer Rolle als Maximalversorger mit ausgewiesenen Forschungsschwerpunkten. Gleichzeitig sichern wir uns Alleinstellungsmerkmale und eine nationale wie internationale Spitzenposition. Die Partnerhäuser übernehmen dabei zu einem Großteil die Grund- und Regelversorgung in der Region, haben bei Bedarf einen schnellen Zugriff auf die Expertise des Universitätsklinikums und unterstützen als Lehrkrankenhäuser die Qualifizierung des ärztlichen Personals. Auch mit ambulanten Bereichen, etwa Schwerpunktpraxen oder Haus- und Fachärzten, führen wir diesen Vernetzungsansatz mit sektorenübergreifende Kooperationen fort.

„Die Patienten spielen eine entscheidende Rolle, und daher haben wir schon früh ein Konzept der persönlichen, einrichtungsübergreifenden Gesundheits- und Patientenakte (PEPA) erarbeitet.“

Prof. Dr. med. Björn Bergh
Funktion: Direktor Abteilung Medizinische Informationssysteme
Einrichtung: Universitätsklinikum Heidelberg

Gemeinsam zukunftsfähig durch innovative Informationstechnologie
Durch die klassischen IT-Architekturen und bedingt durch die Gesetzesvorgaben beim Datenschutz existiert nach wie vor lediglich eine sehr abgegrenzte, einrichtungsbezogene, elektronische Patientenakte (EPA). Für eine einrichtungs- und sektorenübergreifende Kooperation zum Nutzen des Patienten ist dies hinderlich. Deshalb ist der zeitliche Aufwand für das Beschaffen
und Bereitstellen von Informationen nach wie vor hoch; leider sind auch immer noch Mehrfacherhebungen und -untersuchungen an der Tagesordnung.
Mit der Einführung der Teleradiologie im Jahr 2003 haben wir einen Anfang gesetzt und einen ersten wesentlichen Beitrag für eine einrichtungsübergreifende
IT in der Region geliefert. Später haben wir diesen Ausbau auch in weiteren spezialisierten Bereichen wie zum Beispiel der Teleneurologie vorangetrieben.

Schwerpunkt der Teleradiologie ist die konsiliarische Tätigkeit im Bereich der bildgebenden Verfahren. Somit unterstützt sie die kooperative Zusammenarbeit wesentlich, deckt aber viele weitere mögliche kooperative Tätigkeitsfelder nicht ab.
Aus diesem Grund beschäftigen wir uns schon seit mehr als zehn Jahren mit der Frage, wie wir eine einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte für alle nutzbar gestalten können. Eine Gegenüberstellung verschiedener Aktenkonzepte beschreibt Prof. Bergh in einem Artikel in diesem Heft. Die Architektur der PEPA ermöglicht es den Patienten, über ein Patientenportal
selbst auf ihre einrichtungsübergreifende Gesundheits- und Patientenakte zuzugreifen und über Berechtigungen den Zugriff der Gesundheitsdienstanbieter zu steuern. Voll funktionsfähig wird eine PEPA dann, wenn sie über Schnittstellen an die jeweiligen einrichtungsbezogenen Akten (EPAs), wie Krankenhausinformationssysteme und Arztpraxissysteme, angebunden ist und mit Einwilligung des Patienten von den EPAs relevante Patientendaten, Dokumente und Bilddaten an die PEPA möglichst automatisch übermittelt werden. Als das Konzept der PEPA entwickelt
war, stellten wir uns die Frage, wie wir es in die Praxis umsetzen könnten. Folgende Aspekte spielten eine wesentliche Rolle:

  • Entscheidung für eine standardbasierteArchitektur (IHE).
  • Auswahl geeigneter Industriepartner (ICW, Chili GmbH).
  • Tiefe Integration in die Primärsysteme.
  • Start mit einer einrichtungsübergreifenden EPA (eEPA) mit der Perspektive für einen Ausbau als PEPA.

Standardbasierte Architektur (IHE): Eine einrichtungsübergreifende Patientenakte ist mit verschiedenen Primärsystemen unterschiedlichster Hersteller zu verbinden; gleichzeitig muss sie künftig auch mit weiteren regionalen Aktensystemen (national und international) kommunizieren können. Eine Nachhaltigkeit lässt sich nur über eine standardbasierte Kommunikation erzielen.
IHE-basierte Ansätze haben sich dafür mittlerweile national und international bewährt.

Industriepartner: Für die komponentenbasierte Umsetzung haben wir die ICW für den MPI und die Aktenkomponente (XDS-Registry & Repository & Professional Portal) und die Chili GmbH für die Bildkomponente (Bildregistrierung & Bildpräsentation) ausgewählt. Uns hat bereits damals die vorhandene Expertise im Bereich IHE überzeugt sowie die Bereitschaft, den Weg des
PEPA-Ansatzes gemeinsam zu gehen.

Tiefe Integration in die Primärsysteme: Für die klinischen Anwender soll sich das Zusammenspiel der Systeme möglichst integriert darstellen. So wird das Einwilligungsmanagement direkt bei der Patientenaufnahme durchgeführt und im Primärsystem der Klinik dokumentiert. Willigt der Patient ein, beginnt mit dem Speichern der Aufnahme die Datenübermittlung an die PEPA, und der Zugriff der Ärzte in der jeweiligen Einrichtung ist direkt freigeschaltet. Der Zugriff der Ärzte erfolgt kontextintegriert über einen Aufruf aus dem Primärsystem. Die Fachabteilungen entscheiden, welche Kategorien von Dokumenten (z.B. Arztbriefe oder Befunde) bei Vorliegen einer Einwilligung automatisch nach deren Freigabe an die PEPA übermittelt werden. Dokumente anderer Dokumentenkategorien können vom Arzt gezielt aus dem Primärsystem an die PEPA gesendet werden. Ferner werden bei Vorliegen einer Einwilligung sämtliche bezüglich des Patienten erzeugte Bilddaten an die PEPA geschickt.

„Im Rahmen des Infopat-Projekts haben wir ein Patientenportal, ein Modul für die Medikation sowie eine angebundene Forschungsplattform zur Qualitätssicherung entwickelt.“

Dr. Oliver Heinze
Funktion: Projektleiter im Infopat-Projekt
Einrichtung: Universitätsklinikum Heidelberg

Stufenkonzept in der Umsetzung und Einführung:
Eine vollständige PEPA-Architektur benötigt viele Schnittstellen, Komponenten – wie zum Beispiel ein Patientenportal – und fein abgestimmte Abläufe für alle Beteiligten. Besonders hinsichtlich der Einbindung von Patienten lagen damals noch keine Erfahrungswerte vor. Um die Komplexität so gering wie möglich zu halten, haben wir uns dazu entschlossen, für den Routineeinsatz in den Kliniken zunächst eine eEPA aufzubauen und später in weiteren Stufen niedergelassene Ärzte und Patienten einzubinden.

Aktueller Stand und Erfahrungen
Die PEPA ist bisher am Universitätsklinikum Heidelberg in ausgewählten Bereichen und vollständig an der Thoraxklinik der Universität Heidelberg eingeführt und enthält aktuell insgesamt 26.000 Akten. Stichproben in der Thoraxklinik zeigen eine Einwilligungsquote von etwa 95 Prozent. Mit zunehmender Vollständigkeit der Akte wächst die Begeisterung der beteiligten Ärzte für
die Nutzung der Akte. Viele Telefonate sind überflüssig, weil Dokumente der Partnerhäuser ohne Aufwand in die eigene Dokumentation übernommen werden können.

Eine organisatorische Herausforderung ist das datenschutzkonforme Einwilligungsmanagement. Zunächst gilt es, die Basis für eine sichere Netzwerkarchitektur zu schaffen. Ferner sind die Schritte für eine IHE-konforme Umsetzung festzulegen, etwa bezüglich des Aufbaus einer OID-Struktur oder bezüglich der Verwendung von IHE XDS-Metadaten. Doch trotz des anfangs sehr hohen Aufwandes lohnt es sich. Viele Industriepartner zeigen sich mittlerweile sehr offen für die Anbindung über IHE. So kann in einer Teststellung bereits der interne Archiv-viewer (Agfa HYDMedia) neben den eigenen Archivdokumenten auch die externen Dokumente des Patienten aus der PEPA anzeigen. Auch der erste Proof of Concept zur Anbindung von Arztpraxissystemen der Firma CompuGroup Medical mittels IHE wurde erfolgreich durchgeführt. Und erste Ergebnisse der INFOPAT-Studie zur Nutzung einer PEPA mit ausgewählten Patienten über ein Patientenportal stimmen optimistisch.
Nichtsdestotrotz ist die Anbindung von Partnern mit dem Ziel der tiefen Integration anspruchsvoll und aufwendig. Hier müssen wir mit den Industriepartnern weiter an Vereinfachungen arbeiten. Auch für die flächendeckende Anbindung von niedergelassenen Ärzten und Patienten werden technisch, organisatorisch und kulturell weitere Herausforderungen zu lösen sein.

Ausblick:
Ziel des PEPA-Projekts für 2017 ist es, ein weiteres Partnerhaus und Arztpraxissysteme anzubinden. Zusätzlich soll ein Proof of Concept mit Patienten-Apps durchgeführt werden.